12.12.2013
Jahresrechnung ist nicht gleich Jahresrechnung

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und in den nächsten Monaten werden die Geschäftszahlen für das verflossene Jahr präsentiert. Doch nicht alle Abschlüsse sind miteinander vergleichbar.

Gesetzlicher Abschluss gemäss Obligationenrecht

Grundsätzlich gilt für Unternehmungen in der Schweiz in erster Linie das Schweizerische Obligationenrecht, unabhängig davon ob es sich um Einzelunternehmungen oder Kapitalgesellschaften handelt. Das OR sieht vor, dass eine Jahresrechnung aus einer Bilanz und einer Erfolgsrechnung besteht. Die Bilanz enthält die Vermögenswerte sowie Schulden und ist eine Aufnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt, sehr häufig ist dies der 31. Dezember. Die Erfolgsrechnung stellt die Einnahmen und Ausgaben über einen bestimmten Zeitraum dar. Normalerweise beträgt dieser ein Jahr. Zusätzlich zu Bilanz und Erfoglsrechnung müssen Kapitalgesellschaften ebenfalls einen Anhang erstellen, der weitere Auskünfte über die Jahresrechnung gibt.

Das Obligationenrecht geht nach dem Vorsichtsprinzip vor. Diese gesetzlichen Bestimmungen sollen die Interessen der Gläubiger schützen.

Die Sicht der Steuerverwaltung

Aus steuerlicher Sicht ist grundsätzlich ebenfalls der Abschluss gemäss dem Obligationenrecht massgebend. Allerdings gibt es hier gewisse Bestimmungen, die zusätzlich eingehalten werden müssen. Beispielsweise gibt es bestimmte maximal zulässige Abschreibungen auf dem Anlagevermögen. Zudem können nicht unbeschränkt Rückstellungen gebildet werden. Im Normalfall dürfen Rückstellungen nur gebildet werden, wenn man den Sachverhalt klar darlegen und beweisen kann. Dieser Sachverhalt sollte mit grosser Wahrscheinlichkeit eintreten. Um nicht zwei unterschiedliche Abschlüsse erstellen zu müssen, wird ein Jahresabschluss häufig anhand der steuerlichen Bestimmungen erstellt, da diese ebenfalls mit den gesetzlichen Bestimmungen konform sind.

True and fair view-Konzept

Dieser angelsächsische Ausdruck bezeichnet einen Ansatz, bei dem die Jahresrechnung den "effektiven" Gegebenheiten entsprechen soll. Die ausgewiesenen Zahlen sollen der Realität entsprechen. Im Normalfall bestehen daher keine stillen Reserven, wobei natürlich auch hier ein gewisser Ermessensspielraum vorhanden ist. Es gibt verschiedene Grundsätze, die diesen Ansatz verfolgen. Die in der Schweiz bekanntesten Richtlinien sind die sogenannten "Swiss-Gaap FER" sowie die IFRS, wobei die IFRS nicht nur in der Schweiz, sondern international Gültigkeit haben. Das true and fair view-Konzept wird hauptsächlich bei mittleren und grösseren Unternehmungen angewendet. Für börsenkotierte Unternehmungen in der Schweiz sind diese Grundsätze verbindlich.

Basis muss klar sein

Für den Bilanzleser muss daher klar sein, welche Art von Bilanz er vor sich hat, da sie je nachdem eine ganz andere Aussagekraft besitzt. Eine rein nach dem Obligationenrecht erstellte Jahresrechnung zeigt vermutlich eine eher pessimistische Sicht der Unternehmung, wogegen eine nach "true and fair view" erstellte Bilanz eher den realen Werten entspricht.

Beat Mauron
Partner, Teamleiter
Treuhänder mit eidg. Fachausweis