27.09.2012
Stille Reserven – Fluch oder Segen?

Das Thema «Stille Reserven» (SR) ist wieder aktueller denn je, dies nicht zu letzt im Zusammenhang mit dem neuen Rechnungslegungsrecht.

Vorteile

Der Grundgedanke der SR ist der im Aktienrecht tief verankerte Gläubigerschutz. Ein Ausfluss dessen ist das Prinzip der vorsichtigen Bilanzierung. Der Bilanzleser (z. B. die Bank) hat die Gewissheit, dass die Realität sicher nicht schlechter ist (gilt nicht für die Erfolgsrechnung). Mit Hilfe der SR können auch die Resultate geglättet werden. Der Hauptgrund zur Bildung von SR ist in der Praxis sicherlich die Steuerersparnis. Nicht ausgewiesene Gewinne werden nicht besteuert. Die Veränderung von SR ermöglicht auch eine geschickte Steueroptimierung. So kann unter Umständen die Progression gebrochen oder die steuerlichen Verlustvorträge können besser genutzt werden. Weiter können SR die Begehrlichkeiten von Aktionären zügeln, welche bei sehr hohen Gewinnen oder Eigenkapital vermehrt Dividenden fordern können. Das Hauptargument dieser beiden letzten Vorteile ist die Schonung der Liquidität. Dies gilt insbesondere bei gebundenem Kapital, d. h. SR auf Vorräten, Sachanlagen oder Ähnlichem.

Nachteile

Ein grosser Nachteil der SR ist die verminderte Aussagekraft der externen Jahresrechnung. Die mit SR verzerrten Jahresrechnungen entsprechen einfach nicht den Tatsachen und sind so auch nicht als Führungsinstrument geeignet.

Die SR sind nicht in jedem Fall gerecht. Zwischen den Kantonen können sich bereits bei der Bildung enorme Diskrepanzen ergeben. Auch zwischen den Branchen bestehen grosse Differenzen. Anlageintensive Gesellschaften mit hohen Vorräten können viel mehr SR bilden. Die effektive Steuerbelastung kann also sehr unterschiedlich sein. Des Weiteren haben gewisse (Gross)-Aktionäre, welche unter Umständen auch operativ in der Gesellschaft tätig sind, mehr Einsicht in das Geschäftsergebnis. Dadurch entsteht eine Informationsasymmetrie.

Ein weiterer Nachteil ist die Nachfolgeregelung. Werden über Jahre SR angehäuft, wird die Gesellschaft immer schwerer. Dies ergibt häufig eine unzureichende Rendite des Eigenkapitals. Dies zusammen mit einer hohen Substanz macht die Gesellschaft schwer verkäuflich. Unter Umständen hat ein williger Käufer/Erbe dann zu wenig Kapital, um sich die Unternehmung zu leisten.

Fazit

Die Möglichkeit, SR zu bilden, ist im schweizerischen Rechtssystem tief verwurzelt und sicherlich grundsätzlich nicht schlecht. Insbesondere im Zusammenhang mit dem steuerlichen Massgelblichkeitsprinzip ist dieses System unabdingbar.

Bei der Abschlussgestaltung ist aber die richtige Reihefolge wichtig: Zuerst soll die Buchhaltung möglichst realitätsnah geführt werden. Erst dann ist die Steueroptimierung angesagt. So gehen keine Informationen verloren. Die Vor- und Nachteile sollten dabei immer im Hinterkopf behalten werden. So entsteht ein ausgewogener und vernünftiger Abschluss.

Es gilt also: Mit Maß und nicht in Massen!

Michael Buchs
Partner
Dipl. Wirtschaftsprüfer