19.06.2013
Factoring als alternative Finanzierungsform

Ausserhalb der Schweiz ist das Factoring ein recht verbreitetes Finanzierungsinstrument. In der Schweiz spielt es eine eher untergeordnete Rolle. Einerseits, weil es wenig Tradition hat, und andererseits, weil es in der Praxis als Instrument falsch eingestuft wird.
Factoring ist eine von einem sogenannten "Factor" angebotene Dienstleistung. Der Factor lässt Forderungen aus Warenlieferungen oder Dienstleistungen, die im Betrieb eines Dritten entstanden sind, an sich übertragen. Er verwaltet die Forderungen und ist bereit, diese für die Zeit zwischen der Übernahme und dem effektiven Zahlungseingang zu bevorschussen.

Dem Factoring-Kunden "Unternehmer" steht die Liquidität bereits bei der Umsatzentstehung zur Verfügung. Es treten weitere Nebeneffekte wie beispielsweise Bilanzverkürzung, bessere Ausgangslage bei Rating und Kostenreduktionen in der Verwaltung auf.

Zusätzlich zur Finanzierungsfunktion weist das Factoring mit der "Versicherung" eine weitere wichtige Funktion auf. Die Versicherungsfunktion schützt den Unternehmer vor Forderungsausfällen, die er ohne Factoring zu tragen hätte. Der Factor verlangt dafür einen Prozentsatz (Reduktion an der Bevorschussung), der das Ausfallrisiko widerspiegelt. Je nach Anbieter und Vertrag trägt der Factor die gesamten Debitorenverluste (echtes Factoring). Im Gegensatz dazu gäbe es beim unechten Factoring keine Übernahme des Delkredere- beziehungsweise des Ausfallrisikos.

Schwierige Entwicklung

Bereits im 17. Jahrhundert wurde in England das Factoring-Verfahren parktiziert. in den USA begann die Textilindustrie 1890 mit den ersten Factoring-Transaktionen. Die neuzeitliche systematische Finanzierungsform stammt daher aus den USA. In der Schweiz wurde die Factoring-Methtode durch die 1963 auf Initiative des Schweizerischen Bankvereins gegründete Factors AG Zürich eingeführt. Innerhalb der Banken war kein grosses Interesse an einem Wachstum vom Factoring. Entsprechend schwach drang das Wissen über das aus den USA kommende Factoring an die Öffentlichkeit und in die Wirtschaft. Seit ein paar Jahren entstanden aber Factoring-Unternehmen, die von Banken unabhängig sind.

Das Factoring hat bei uns nicht das allerbeste Image. Das Instrument wird in der Praxis häufig falsch eingestuft. Ein Factor wird beispielsweise mit einem Inkassobüro verglichen, oder es besteht die verbreitete Meinung, dass ein Factor nur in einer Notfallsituation zum Beispiel bei Liquiditätsengpässen eingesetzt wird. Es wird auch befürchtet, dass beim Inkasso der Factor zu schroff vorgehen könnte und damit die Kunden verärgern würde.

Eine Alternative

Die Vorteile beim Factoring liegen in der Entwicklung des Eigenkapitals, der Liquiditätsbeschaffung und der daraus entstehenden besseren Bonität. Unternehmen mit einem Betriebskredit starten mit einem höheren Fremdkapitalanteil. Zusätzlich erhöht sich der Fremdfinanzierungsgrad aufgrund steigender Lieferantenforderungen. Beim Factoring können die kurzfristigen Verbindlichkeiten schneller abgebaut respektive beglichen werden. Der Fremdfinanzierungsanteil nimmt ab, und dementsprechend erhöht sich der Eigenfinanzierungsgrad.

Aber auch mit Factoring ist ein zumindest reduzierter Betriebskredit beim Start einer neuen Unternehmung oder eines Produkts oftmals unumgänglich, um notwendige Vorleistungen zu finanzieren. Das Unternehmen mit Factoring verfügt im Vergleich über weniger flüssige Mittel, kann aber ihren Umsatz aus eigener Kraft finanzieren.

Die Factoring-Eignung

Die Factoring-Eignung kann nicht allgemein bestimmt werden. In der Literatur wird der Umsatz von einer Million Franken pro Jahr als untere Grenze beschrieben. Allerdings wird das Factoring in der Praxis auch an Unternehmen angeboten, die weniger Jahresumsatz als eine Million Franken ausweisen. In jedem Fall sollte eine Factoring-Vereinbarung vorher analysiert werden. Grundsätzlich prüfen Factoring-Unternehmen ihre Vertragspartner. Nebst der Bonität der Debitoren wird auf die Fortführungsfähigkeit des Unternehmens grossen Wert gelegt.

Rinaldo Jendly
Partner, Teamleiter
Dipl. Treuhandexperte